Der geschäftsführende Nachfolger eines ehemaligen Kunden ruft abends um 19 Uhr an. „Ich benötige dringend unser Signet in digitaler Form. Haben Sie noch die Rohdaten unseres Projekts?“ Es geht um einen Schriftzug. Ein Logo mit Claim. Beides wurde von mir zu Beginn meiner Selbstständigkeit entworfen. Die dazu gehörende Anzeige eines lokalen Autohändlers erscheint seither zwei Mal jährlich im örtlichen Blättchen.

Jetzt also, nach 12 Jahren!, fällt dem Geschäftsführer ein, dass die Qualität des zig-fach kopierten Logos nicht genügt, um so neumodische Errungenschaften wie das Werbebaukastensystem des VW-Konzerns richtig zu nutzen. Man verlangt JETZT (hört, hört) PDF für den Druck und JPG fürs Web. Aber man selbst fände in den alten Unterlagen nur noch ein bescheiden gedrucktes Blatt Papier. Wo ist das Original?

Da lobe ich mir, dass ich beim Neubau im Jahr 2000 Platz für ein großzügiges Archiv eingeplant habe. Da hinein wandern alte Projektdaten -inklusive CDs und DVDs. 1998 gab es außerdem Zip-Bänder und Disketten. Ich bin ja schon froh, dass ich o. g. Projekt bereits auf CD gespeichert hatte. Denn darauf, den Inhalt der alten Zip-Bänder zu durchkämmen, hätte ich so spontan keine Lust gehabt.

Projekt gefunden. QuarkXPress bemängelt erwartungsgemäß fehlende Schriften. Ach herrje. Zwischen 1998 und 2010 liegen immerhin fünf Workstations und vier Windows Betriebssysteme. Wo sind diese speziellen Schriften geblieben? Auch im Archiv. Klar doch. Das Haus verliert nichts. Doch die alten CDs zu durchforsten kostet einfach Zeit.

Wenigstens ist der Rest ziemlich schnell gemacht. Signet in Quark öffnen, diverse Größen davon erstellen, als PDF speichern, in Photoshop als JPG und EPS auf durchsichtigen Hintergrund speichern und kaum sind zwei Stunden vorbei, sende ich dem Kunden seine heiß ersehnten Daten.

Sein Dank kommt am nächsten Vormittag. Ich habe ihm sehr geholfen, sagt der Jungspund frohgemut und: Was es denn kosten werde? Na gut, ich bin ja nicht so und veranschlage nur den halben Arbeitsaufwand (1 Std.) und melde meine kleine Rechnung freundlich an. Was dann kommt, schlägt dem Fass den Boden aus: Er sei nicht bereit, mehr als 20 Euro zu löhnen. Aber auch nur weil er so entgegenkommend sei. So was gehöre doch schließlich zum guten Service. #fail

Mein lieber Scholli. Ich weiß ja, dass die Oberfranken gerne knausern und die größten aller Streithansel sind. Aber anzunehmen, die Zeit von Dienstleistern sei geschenkt, ist dreist. Was wäre denn gewesen, hätte ich mein Auto zu einem kurzen Wintercheck dort in den Hof gestellt? Die Servicestunden bei VW schlagen mit mindestens 78 Euro zu Buche. Ist die Arbeit eines KFZ-Mechanikers etwa mehr wert als meine? Sicher nicht. Darum bleibt es dabei: Arbeit wurde in Auftrag gestellt und binnen kürzester Zeit erledigt. Beim nächsten Anruf (in vermutlich 12 Jahren) kalkuliere ich ganz sicher minutengenau plus 50 Prozent Feierabendaufschlag.

Nachtrag: Echten Kunden stelle ich so ein Suchen nach Projektdaten normalerweise nie in Rechnung. Klar doch. Die Daten meiner Dauerkunden liegen schließlich stets griffbereit – langes Suchen im Archiv ist gar nicht notwendig.

 

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